jörn auerbach

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Die Taube auf dem Dach

2020-04-01 jo3rnweb

Endlich 1. April, eine gute Gelegenheit um über RFCs zu sprechen. RFC? Was ist das nun wieder für ein Techie-Akronym? Kurz gesagt sind RFCs schriftliche Dokumentationen technischer Systeme. Diese technischen Systeme sind meistens andere Techie-Akronmye, z.B. HTTP, ASCII, IPv6, FTP, DHCP oder TCP. Ein Archiv aller RFCs findet sich auf dem RFC Index.

Lang gesagt steht RFC für Requests for Comments, also Bitten um Kommentare. Diese Bezeichnung ist nicht nur komisch sondern inzwischen auch irreführend. Denn während früher tatsächlich RFCs als Dokumentenentwürfe mit der Bitte um Kommentare zur Weiterverarbeitung frei gegeben wurden, sind heutige RFCs nach ihrer Veröffentlichung unveränderbar. Theoretisch kann jeder einen RFC verfassen, meistens ist jedoch eine Organisation wie die IETF, IAB oder IRTF beteiligt. Für die Veröffentlichung als Internetstandard oder Best Current Practice ist eine Begutachtung der IETF (bzw. der ihr zugehörigen IESG) sogar zwingend notwendig. Mitunter gibt es äußerst ausgefeilte Publikations- und Genehmigungsverfahren. Das dient der Sicherung einer besonderen Qualität dieser Dokumente, begleitet von einem erheblichen Anteil an Formalismus.

Nicht nur für Außenstehende ist das mitunter dröge. Deshalb gibt es regelmäßig zum 1. April eine kleine Auflockerung in Form von nicht ganz ernst gemeinten RFCs. Der wohl bekannteste Fall dieses Brauchs, das ”Internet der Brieftauben”, beschäftigte die RFC-Editoren gleich an drei April Fool’s Days. Trotz oder gerade aufgrund des humoristischen Grundtons ist diese Idee eine gut verständliche Metapher für den Netzwerkverkehr. Im Folgenden schauen wir uns die 3 besagten RFCs etwas genauer an. Die verlinkten Originaldokumente zu diesen RFCs sind durchaus lesenswert. Sie befolgen das gleiche Format wie die “echten” RFCs, dienen daher einem leichten Einstieg in die Welt der RFCs.

[1. April 1990] RFC 1149: A Standard for the Transmission of IP Datagrams on Avian Carriers

Diese besondere Form des Turnschuhnetzwerks sieht Brieftauben als Überträger von Datenpaketen vor. Dabei werden Nachrichten am Fuß der Taube befestigt. Besonders gut soll dies in Großstädten und Ballungszentren funktionieren. Die maximale Übertragungseinheit (MTU) beträgt je nach Alter der Taube etwa 256 Milligramm. Der Service zeichnet sich durch hohe Latenz und geringen Datendurchsatz aus. Da den Tauben im Gegensatz zu traditionellen Übertragungswegen 3 Dimensionen zur Verfügung stehen, ist die Kollisionsrate äußerst gering. Zudem ist die Kommunikation, anders als z.B. bei Packet Radio, nicht auf Entfernungen in Blickdistanz limitiert. Ein weiterer Vorteil ist, dass Würmer im Netzwerk erkannt und ausgemerzt werden können. Allerdings lässt sich nur eine Punkt-zu-Punkt-Verbindung realisieren, das Netzwerk ist also nicht direkt broad- oder multicast-fähig.

In 2001 fand die weltweit erste Implementierung des Brieftaubeninternets statt. Es ergab sich folgende Übertragungsstatistik:

  • Paketverluste: 55%
  • Latenz:

    • maximal: 6388671.9 ms (~106.5 Minuten)
    • minimal: 3211900.8 ms (~53.5 Minuten)
    • Mittelwert: 5222806.6 ms (~87 Minuten)

[1. April 1999] RFC 2549: IP over Avian Carriers with Quality of Service

Dieser RFC erweitert den 1149 um Service-Klassen:

  1. Concorde
  2. First
  3. Business
  4. Coach

Die Brieftauben tragen einen Barcode der jeweiligen Klasse auf ihrem Flügel. Wenn die Tauben ankommen, werden sie ähnlich dem Priority Boarding einer Schlange zugewiesen und entsprechend der Klassenreihenfolge ausgelesen.

Ansonsten ist dieser RFC ein Versuch, möglichst viele Netzwerk-Begriffe (bridge, mirror, NAT,…) im Brieftaubenkontext zu verwursten. Tolle Tauben-ASCII-Kunst gibt es gratis obendrauf:

                 __
 _____/-----\   / o\    
<____   _____\_/    >--    
     \ /    /______/    
      /|:||/    
     /____/|     

[1. April 2011] RFC 6214: Adaptation of RFC 1149 for IPv6

Um sich der drohenden Knappheit von IPv4-Adressen entgegenzustellen, beschreibt dieser RFC wie das Brieftaubennetz mit IPv6 zu nutzen ist. Des Weiteren setzt er das Feuerwerk abstruser Netzwerk-Tauben-Kalauer fort, sodass man hofft, das dies der letzte Teil der Avian Carrier Reihe bleiben wird.

Und in diesem Jahr?

In 2020 erschien der April-RFC The Quantum Bug. Zufällig beschäftigt er sich auch mit Netzwerken und zwar was passiert, wenn die Round Trip Time (die Zeit zwischen Aussenden und Empfangen eines Datenpakets) durch die Nutzung von Quantennetzwerken auf 0 sinkt. Protokolle mit Mechanismen, die von einer RTT > 0 ausgehen, würden nicht mehr einwandfrei funktionieren. Ein “Internet meltdown”, wie er beim Millenium-Bug bevorstand, wäre die Folge.

Cover photo by Nathan Dumlao
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Jörn Auerbach ist Softwareentwickler. Zu seinen Vorlieben zählen neue Dinge lernen, knifflige Probleme angehen und Kaffeetrinken mit dem Squad.